Sportlernahrung frei von kritischen Substanzen

Wir werden immer wieder gefragt, ob ich ein Sportlernahrungsmittel einnehmen kann, welches nicht mit einem Antidoping Label versehen ist. Klare Antwort: Ja, aber schau genau welches.

Warum wir zu diesem eindeutigen Ja kommen zeigt das nachfolgende Interview mit Sponser Sport Food Head R&D und Regulatory Affairs, Lebensmittel-Ingenieur Remo Jutzeler van Wijlen.

Rowperfect: Sportlernahrung frei von kritischen Substanzen. Da ist immer wieder ein Thema. Warum kommt  Sportlernahrung in die Schlagzeilen?

Doping in Sportnahrung: Markenprodukte sind sauber, Anti-Doping Labels keine Garantie!

Wiederholt gelangen bei Dopingfällen Nahrungsergänzungsmittel und Sportnahrungsprodukte unter Verdacht, wenn Athleten jegliche Schuld von sich weisen und die Einnahme von Supplementen für einen positiven Dopingbefund verantwortlich machen. Berühmte Beispiele sind der jamaikanische Sprinter Osafa Powell oder die deutsche Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle. Letztere wurde positiv auf DMAA getestet und machte ein kontaminiertes Supplement dafür verantwortlich. Es ist eine beliebte, weil nicht ganz unplausible, Rechtfertigung. Denn die Verwendung von einigen Substanzen der WADA-Liste ist aufgrund unterschiedlicher, nationaler Gesetzgebungen in Nahrungsergänzungsmitteln teilweise möglich, was sowohl den gezielten Zusatz als auch die Kontamination verursachen kann.

RP: Was würdest Du der Sportnahrungsindustrie empfehlen?

Seriöse Unternehmen arbeiten nach einem der genannten Lebensmittel- oder Pharmastandards. Dabei werden strikt keine nicht zugelassenen Substanzen auf denselben Anlagen, ja nicht einmal in denselben Räumlichkeiten und Gebäuden verarbeitet. Strikte Trennung wie bei Allergenen ist zwingend. In der Schweiz und Europa sind Dopingsubstanzen aber auch a priori nicht für Lebensmittel zugelassen. Damit sollten eigentlich in der gesamten Geschäftstätigkeit eines seriösen Sportnahrungsmittelherstellers keine solchen Substanzen vorkommen.

RP: Sportlernahrung und Anti Doping Labels wie Informed und Kölner Liste: Machen denn solche Listen noch Sinn?

Man kann unterschiedlicher Meinung sein ob diese Listen sinnvoll sind. Folgende Fakten relativieren den Nutzen aber stark:

  • Diese Labors und Institute haben ein kommerzielles Interesse. Jedes untersuchte Produkt generiert Arbeit, bessere Analysenauslastung und bedeutet Einkommen für das Labor.
  • Diese Labors oder Institute sind keine staatlichen Einrichtungen, sondern arbeiten privatwirtschaftlich, um bestehende Einrichtungen besser auszulasten.
  • Viele Schritte des Prüfungsprozesses sind m. E nicht abgesichert: Jedes eingereichte Produkt kommt originalverpackt ins Labor. Wann, wie und wo verpackt wurde, und an welcher Stelle des Prozesses eine Stichprobe zur Analyse rausgenommen wird, bestimmt der Hersteller. Das Labor nimmt darauf keinen Einfluss. So sind selbst explizit getestete Chargen nicht zwingend frei von (wenigen!) getesteten Dopingsubstanzen. Theoretisch ist auch bei den ersten Abfülleinheiten von getesteten Chargen eine Kontamination möglich, wenn vorher ein Produkt mit WADA-Substanzen auf derselben Anlage hergestellt wurde, für die Dopinganalyse aber nicht die ersten paar Einheiten nach dem Produktwechsel zur Analyse gezogen wurden.
  • Analysen nur einiger weniger Substanzen, keine Vollanalyse: Selbst bei einer lückenlosen Analyse jedes Batchs eines Produkts, handelt es sich nicht um Vollanalysen auf alle Dopingsubstanzen, sondern üblicherweise nur auf die beiden Gruppen Stimulantien und Anabolika. Und von diesen beiden Gruppen werden total nur ca. 15-60 Substanzen analysiert. Es gibt aber Hunderte, wenn nicht Tausende relevanter Dopingsubstanzen. Nach welchen Kriterien die zu analysierenden Substanzen ausgewählt werden, ist völlig unklar.
  • Analysekosten limitieren die Batchuntersuchung: Eine lückenlose batch-by-batch Analyse ist in Anbetracht der oft kleinen Produktionschargen in der Sportnahrungsindustrie auch kostenmässig gar nicht möglich. Eine Vollanalyse käme auf mehrere tausend Euro pro Batch zu stehen. Kein Kunde wäre bereit die entstehenden Mehrkosten zu zahlen. Darum ist ein seriöses, präventives Qualitätsmanagement mit komplettem Ausschluss aller dopingrelevanten Substanzen der sinnvollere Weg. Ausserdem müssen auch die Anti-Doping Labels gewinnorientiert arbeiten, was die Kosten nochmals in die Höhe treiben würde.
  • Auch seriöse Labels und Marken, die nicht gelistet sind, haben ein aufwendiges Audit- und Kontrollsystem, welches die gesamten Herstellabläufe vorgängig auf Risiken überprüft und unabhängig, stichprobenmässig überprüft. Die Seriosität eines Anbieters lässt sich am besten anhand seiner Reputation im Profisport einschätzen. Denn sowohl dopingkontrollierte Athleten als auch ein Sportnahrungshersteller, der solche Sportler versorgt, können es sich aus existenziellen Gründen gar nicht erlauben Dopingvorfälle zu riskieren. Generell sind grosse und bekannte Marken mit festem Handelssitz in Westeuropa eine sicherere Wahl, als kleinere, unbekannte oder reine Internetvertreiber, welche behördlichen Kontrollen weniger ausgesetzt sind und gesetzlichen Regulierungen nicht immer entsprechen.

RP: Gibt es für uns Athleten denn eine Sportlernahrung frei von kritischen Substanzen, also die risikofreie Einnahme von Sportlernahrung?

Dieses Risiko kann nur wirklich kontrolliert werden, indem man in komplett autarken Produktionseinrichtungen herstellt, folglich also zu keinem Zeitpunkt irgendwelche pharmazeutischen Rohstoffe oder Produkte auch nur in die Nähe kommen können. Genauso wie auch Giftstoffe nicht in die Nähe von Lebensmitteln gelangen dürfen. Berücksichtigt man dies, so ist die Gefahr von Kontamination genauso gering bzw. ausgeschlossen wie bei allen anderen industriell hergestellten Lebensmitteln. Die komplette Trennung von Lebensmittel und pharmazeutischen, sprich Dopingsubstanzen, ergibt erst das Maximum an Sicherheit von Sportnahrungsmitteln ohne Verunreinigungen.

Dafür braucht es aber kein Anti-Doping Label, wo faktisch dieselben Qualitätsmassnahmen bestehen, sondern schlicht ein Einbezug der Anforderung „doping-frei“ in die Gefahrenanalyse bei Qualitätsmanagement. Ausserdem beinhaltet eine zusätzliche Zertifizierung durch ein Doping-Free Label niemals lückenlose Analysen, sondern die Überprüfung basiert auch hier auf einer Risikoanalyse mit externen Audits, Kontrollen und Stichproben-Analysen. Und zum Risiko ist zu sagen: eine echte „Garantie“ der Dopingfreiheit im Wortsinn ist unmöglich. Alle Listen sprechen ja auch von einen „minimierten Dopingrisiko“, lassen sich also ein Hintertürchen offen.

Mein Fazit: Die beste Garantie für dopingfreie Sportnahrung ist die breite Verwendung unter Olympiasportlern. Eine Sportnahrungsfirma kann es sich schlicht nicht leisten, dass es zu Dopingvorfällen aufgrund seiner Produkte mit Olympioniken kommt. Umgekehrt ist das grösste Risiko wohl bei Produkten zu suchen, wo absolut unrealistische Wirkungsversprechen gemacht werden und nicht nach Europäischem Lebensmittelrecht produziert wird.

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