Was hat mentale Widerstandskraft im Rudern zu suchen?

Ist mentale Widerstandskraft beim Rudern von Nutzen? Was steckt da mehr dahinter? Jason Dorland, Rowperfect Coach, gibt Antworten für unsere Leser.

DER HINTERGRUND:

Früher dachte man, dass es Athleten einschränkt wenn ein Trainer die mentale Widerstandskraft seiner Athleten feiert. Man befürchtete, dass sich ihre Kapazitäten zum Training und für Wettbewerbe auf höchstem Niveau verringern könnten, würde man ihnen sagen sie sollen mehr Rückgrat entwickeln.

Klingt verrückt?

Nun, vor 20 Jahren habe ich dem vertraut, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Wenn wir heute von Spitzensportlern reden, so spricht man schnell von deren mentaler Stärke. Ich sehe auch bei mir, dass meine Fähigkeit harte Trainingseinheiten beim Rudern hart durchzuziehen, geholfen hat mein heutiges Trainerniveau zu erlangen.

Aber was wäre, wenn wir, anstatt diese qualvollen Momente durchzustehen in der Lage wären sich ihnen sozusagen zu ergeben, sie zu akzeptieren, einfach loszulassen ? Ihnen gesagt hätten, ist gut, mach Pause, entspann dich…und arbeite mit der Qual zusammen.

WO SOLLEN WIR ANFANGEN?

Ist Rückgrat wirklich der Hauptbestandteil wenn es um Leistung geht? Oder denken wir das nur gerne (als Ex-Athleten, die jetzt Trainer sind), weil es für uns bestätigt, dass wir als junge Burschen so richtig was ausgehalten konnten?

Verstehen Sie mich nicht falsch – es gibt eine Zeit und einen Ort für mentale Widerstandsfähigkeit im Sport! Ich kann mich noch an richtig fiese Ruder-Trainingseinheiten erinnern, die so unglaublich schmerzhaft waren. Und da war der einzige Grund, warum das Team und ich durchgehalten haben unsere mentale Widerstandkraft.

Wenn ich mentale Widerstandskraft höre, denke ich an entgegengesetzt Kräfte. Da kommen mir Worte wie Konflikt, Angst und Schufterei in den Sinn. Als ob wir krampfhaft versuchen ein Hindernis zu überwinden – in diesem Fall eine harte Trainingseinheit oder einen Wettkampf.
Was wäre, wenn wir unseren Athleten beibringen könnten, dass sie ihr Training und die Wettkämpfe auf einer tieferen Ebene erleben könnten? Na gut, sich ein max-V02 Training als nicht schmerzhaft vorzustellen ist schwierig.

Was wäre aber, wenn wir unseren Athleten helfen könnten ihr Training und den Schmerz, der damit einhergeht neu und anders wahrzunehmen? Demnach könnte man das harte Training und die unbarmherzigen Wettkämpfe nicht als eine Überwindung ansehen, sondern als etwas, mit dem man sich verbinden kann um in dem Moment Teil davon zu sein.

Als ich für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul trainierte, erinnere ich mich stark an ein bestimmtes Wintertraining. Es war eine max-VO2 Session auf dem Erg – 10 x 3 Minuten, mit 2 Minuten Pause. Uff, sogar das tippen lässt heute noch meine Hände zittern, wenn ich mich an den Schmerz erinnere, der damit einherging. Ich werde jedoch nie den Moment vergessen, wo während der 5. Runde, inmitten entsetzlicher Qualen, mein Kopf aufhörte den Schmerz zu bekämpfen und stattdessen losließ. Für das restliche Training fühlte ich mich, als könnte ich ewig weiter machen.

Heute würden wir das als Flow-Erfahrung bezeichnen. Damals dachte ich es läge komplett ausser meiner Kontrolle. Mit jeder dreiminütigen Runde wurde ich stärker und nicht schwächer. Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich mehrmals gelächelt habe, als ich mit jedem Schlag neue Kräfte entdeckte. Es war wie Magie – aber es war keine solche. Was wäre, wenn es stattdessen komplett in meiner, unserer Kontrolle läge? Dann könnten wir diese Art von Flow auch für unsere Athleten kreieren – im Training, im Wettkampf. Wow, was für Möglichkeiten das bietet!

DIE CHANCE:

Aktuell sagt man, dass man hart sein muss um Schmerz zu überwinden. Besser wäre es den Schmerz als etwas zu betrachten, mit dem man zusammen arbeiten kann. Sicherlich würde diese subtile Veränderung nicht nur unseren Athleten auf der Suche nach Leistung helfen, sondern es könnte den Trainern auch ermöglichen mehr Athleten zu fördern.

Wie oft haben Sie den Spruch „80% des Spiels passiert im Kopf!“ gehört? Ich schätze, mehr als nur ein paar. Warum verbringen wir dann nicht 80% unserer Trainingsstunden damit an den mentalen und emotionalen Werkzeugen unserer Athleten zu arbeiten, wenn es um Leistungssteigerung geht?!

Ich habe schon oft bemängelt, dass dies ein unterbewerteter und unbenutzte Teil des Athletentrainings ist. Man müsste anfangen die Rahmenbedingungen für das Training und den Wettkampf unserer Athleten zu ändern und dann an ihrem „mental game“ arbeiten.

Außerdem muss es nicht mit unserer Wahrnehmung von Schmerz enden. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass unsere Wahrnehmung von unseren sogenannten Konkurrenten neu zu definieren gilt. Ist es denn hilfreich für unsere Athleten, wenn man die Anderen als Hindernisse und Feinde beschreibt, die es zu überwinden oder schlagen gilt? Auch hier würde ich sagen, dass es einem Athleten für den Wettkampf eher behindert und ihn nicht unterstützt.

NEUANFANG:

Ein Freund von mir, David Meggysey, der Ex-NFLer und Autor des erfolgreichen Buches “Out of Their League“, teilte vor einiger Zeit eine kleine Weisheit mit mir. Er erzählte, dass die Wurzel des Wortes to compete (zu konkurrieren, zu wettkämpfen) vom Wort competere ist, was so viel heißt wie etwas gemeinsam anstreben.

Demnach würde ich sagen haben wir Menschen die Essenz des Wettbewerbs völlig falsch interpretiert! Wir richten uns immer noch nach alten Werten, die aber nicht den Athleten und ihren Leistungszielen dienen.
Klar ist auch, dass die Darstellung des Sports in Hollywood immer was mit harten Jungs zu tun hat. Das verkauft mehr Tickets! Aber ich glaube mit diesem Bild wurden wir richtig übers Ohr gehauen!

Jason Dorland ist Experten-Trainer bei Rowperfect.
Er ist ein Trainer für Hochleistungen. Seine Philosophie es ist, dass wir zum Erreichen unserer Ziele unsere mentalen und emotionalen Bereiche unseres Lebens fördern müssen.

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