Akademiker im Ruderboot: Sind Ruderer die klügeren Athleten?

Ich bin 24, Einzelhandelskaufmann und wollte einem Ruderclub beitreten. Beim ersten Training habe ich gemerkt dass viele Mitglieder Studenten und Hochschulabsolventen sind. Bei den Masters sind sogar Doktoren dabei. Ist Rudern ein Elitesport?

Rene, mach dir keine Sorgen. Du findest in den Rudervereinen im Durchschnitt ein gutes, und gehobenes Bildungsniveau. Abgehoben sind die Wenigsten. Rudern ist momentan eine Trendsportart, das zeigen die steigenden Mitgliedszahlen der Vereine bei jungen und älteren Neumitgliedern. Trotzdem ist Rudern keine Massensportart. 2016 wurde die nachfolgende Studie veröffentlicht – Nicht einmal 1% der Sporttreibenden wollen Rudern.

Wenn Du meinst, Rudern sei eine Elite-Sportart – stimmt das. Zumindest war es das. Rudern hatte wie Tennis z.B. ein elitäres Image. Ich glaube, dass das Bildungsniveau der Ruderer generell der Struktur der Sporttreibenden in Mitteleuropa entspricht. Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die belegen, dass Rudern eine elitäre Sportart ist – allerdings zeigt die Empirie in deutschsprachigen und englischsprachigen Clubs, dass es eine hohe Anzahl von Akademikern unter den Ruderern gibt. Aber ist Akademiker automatisch Elitär? Schau dir auch mal die Grafik unten an.

Wer treibt Sport?

Laut dieser Untersuchung (unten) treiben die Berufsgruppen aus der Mittelschicht am meisten Sport . Wenn also Selbständige und leitende Angestellte am häufigsten Sport betreiben, warum sollte dann nicht diese Gruppe in den Clubs stark sein.

Sporttreibende Berufsgruppen

Ralf Holtmeyer, Cheftrainer des Deutschen Ruderverbands wurde einmal von der Zeitschrift ZEIT gefragt: Ist ein Jurastudent schwieriger zu trainieren als ein Großhandelskaufmann? Seine Antwort kommt allen entgegen.

Holtmeyer: „Wenn noch ein zweiter Jurastudent im Achter sitzt, der genauso viel diskutieren will, kann das problematisch sein. Eine Mannschaft muss eine Mischung sein. Man darf nicht nur das Verhältnis zwischen mir und einzelnen Sportlern sehen, es ergibt sich auch immer eine Dynamik innerhalb der Mannschaft. Ein Sportler, der sich auch nach dem Training mit seinem Sport auseinander setzt, der darüber nachdenkt, wie er besser rudern kann, wie er das Training effektiv organisiert, der ist mir auf jeden Fall lieber als einer, der erwartet, dass alles von außen kommt.“ Das kennen wir alle.

Akademiker im Ruderboot

Clubjacke eines Akademischen Ruderclubs (Würzburg)

FISA World Rowing hat in einem Bericht davon gesprochen, dass es einen Zusammenhang zwischen Leistungssport und Akademikern gibt. Hergeleitet wurde das durch die Tatsache dass die Elite Ruderer 3-6 Stunden am Tag trainieren und das sechs Tage in der Woche. Dieses Lebensmodell passt auf einen Studenten besser als auf einen Berufstätigen. Letztere können Leistungssport ohne Mitwirken des Arbeitgebers in diesem Ausmass kaum betreiben. Aus diesem Grund gibt es in vielen Ländern auch die Möglichkeit, als Soldat Leistungssport zu betreiben.

England Die Wiege des Rudersports

Was wir nicht vergessen dürfen. Die Ursprünge des Ruderns liegen in England und die grossartige Entwicklung, die dieser Sport im 19. und 20. Jahrhundert erfahren hat, wurde maßgeblich von den dortigen Universitäten und Colleges vorangetrieben. Rudern war ein angesehener Sport in der Elite Englands. Als College Sport betrieben, waren daher damals Ruderer automatisch auch Studenten. Die Universität erzieht die Menschen zu Individualisten. Wie formt der Trainer aus diesen eine Mannschaft?

Holtmeyer: „Die meisten sind durch eine Rudererziehung gegangen. Da ist ihnen absolut klar geworden, dass man nur Erfolg hat, wenn man optimal mit den anderen zusammenarbeitet. Und genau dieses Wechselspiel braucht man: den Einsatz für die Gruppe und die Eigenwilligkeit, die man als Sportler grundsätzlich braucht, dass man für sich selbst Erfolg haben will.“

Kann man Breitensport und Leistungssport vergleichen?

Sportliche Aktivität nach Bildungsniveau

Individualist oder Teamplayer: Ich glaube Holtmeyers Aussage kann man auch auf den Breitensport anwenden. Zusammenarbeit im Boot, Teamgeist und temporäre Anpassung an die Mannschaft: Das gilt auch für den Breitensport. Im Boot ordnen sich die Ruderer dem Gesamten unter. Klar gibt es im Breitensport in einigen Mannschaftsbooten Geschrei und Diskussionen. Ich bezweifele aber, dass dies mit der Bildung zu tun hat. Zumal dies bei Olympiabooten auch vorkommt.

Notwenige Eigenschaften

Vielleicht sind es die eher die Eigenschaften wie Leistungswille, Bereitschaft zu schweisstreibenden Training, Durchsetzungsstärke etc. Ich höre dieses Argument sehr häufig – muss aber sagen, dass diese Merkmale in allen Bevölkerungsschichten vorkommen. Auch ein Nicht-Abiturient kann Leistungswillen zeigen. Auch ein Hauptschüler ist bereit zu schweisstreibendem Training.

In einem wissenschaftlichen Beitrag, wurde in einem Untersuchungsergebnis folgendes gezeigt: Unter sozialstrukturellen Gesichtspunkten besonders kennzeichnend für den deutschen Sport und auch teilweise dem Sport in der Schweiz, ist seine dominante Mittelschichtorientierung. Schaut doch einmal in Eurem Klub. Welches Bildungsniveau herrscht dort vor?

Ist Rudern ein teurer Sport?

Stellt sich die Frage, ob sich ein Doktorant das Rudern eher leisten kann als ein Mittlerer Angestellter.

In Punkto Ausrüstung liegen die Kosten für den Ruderer ähnlich wie bei denen eines Fussballers oder Volleyballers. Man nutzt Sportkleidung, die es bei jedem Discounter zu kaufen gibt. Vereinskleidung ist meist freiwillig und kostet zwischen 50-100 Euro, wenn man will.

Sind es die Mitgliedsbeiträge? Die Mitgliedschaft in einem deutschsprachigen Ruderverein liegt zwischen 250 und 400 € pro Jahr. Abweichungen sind möglich. Im Vergleich zu Sportvereinen vielleicht etwas höher, aber nicht unbezahlbar. Also am Geld kann es nicht liegen.

Sind Ruderer nun elitär oder sogar klüger als andere Sportler? Was meint Ihr? Ich würde mich über einen Kommentar freuen..

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